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ÄNDERUNG DER TESTSTRATEGIE

Omikron-Welle: Warum Experten nun eine neue Teststrategie fordern

Wenn Österreich auf Durchseuchung setzt, sollten die Testkapazitäten gebündelt werden, meint Experte Ulrich Elling. Vulnerable Gruppen, deren Angehörige und Vertreter der kritischen Infrastruktur sollten täglich PCR-testen

Eine Änderung der Teststrategie fordern angesichts der massiven Omikron-Welle nun mehrere Expertinnen und Experten in Österreich. Die Debatte angestoßen hat Elisabeth Puchhammer-Stöckl, Leiterin des Zentrums für Virologie der Med-Uni Wien: Sie sprach sich auf Puls 24 dagegen aus, “jeden kreuz und quer” zu testen, “der sich dann sicher fühlt, aber möglicherweise hochinfektiös ist”. Die Teststrategie solle eher auf vulnerable Gruppen fokussieren. Diesem Vorschlag erteilte Wiens Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) umgehend eine Absage. In Wien wird aktuell deutlich mehr PCR-getestet als in allen anderen Bundesländern zusammen.

Gecko-Mitglied Thomas Starlinger kündigte am Donnerstagabend wiederum in der “ZiB Nacht” nun bereits eine neue Teststrategie an, wobei er betonte “nicht von einem Strategiewechsel” sprechen zu wollen. Abseits von Wien müsse man nun Schwerpunkte im Pflegebereich, in Schulen und der kritischen Versorgung setzen.

Frage: Wie sinnvoll sind PCR-Tests bei der Omikron-Variante noch?

Antwort: Das Tempo der Pandemie hat sich verdoppelt. Bei einer Infektion mit Omikron kann man im Schnitt schon nach zwei Tagen die nächste Person anstecken. Das mache einen PCR-Test bereits nach 48 Stunden “schon wieder obsolet”, erklärt Dorothee von Laer, Virologin an der Med-Uni Innsbruck. Nichtsdestoweniger seien regelmäßige PCR-Tests zusätzlich zum Tragen der Maske nach wie vor ein wichtiger Bestandteil der persönlichen Sicherheitsmaßnahmen.

Gesamtgesellschaftlich wird man entscheiden müssen, wie sinnvoll breit ausgelegte PCR-Tests noch sind – vor allem mit Blick in die Zukunft: “Wir werden in eine Situation kommen, in der der Bedarf an Tests steigt, die Kapazität beim Testen aber sinkt”, warnt der Molekularbiologe Ulrich Elling von der Akademie der Wissenschaften.

Elling zufolge hänge sehr stark davon ab, welches Ziel verfolgt werde: “Wenn wir klar auf Durchseuchung setzen, sollten wir Testkapazitäten dort bündeln, wo wir sie brauchen: Vulnerable Gruppen, deren Angehörige und jene aus der kritischen Infrastruktur sollten täglich testen”, appelliert Elling. Breite Massentestungen würden die Kurve der Durchseuchung zwar möglicherweise um ein paar Prozentpunkte abflachen, bis auf ein individuelles Sicherheitsgefühl aber wenig bringen.

Frage: Welche Alternativen gibt es?

Antwort: Als Sicherheitsmaßnahme im persönlichen Umfeld gewinnen Antigentests an Bedeutung. Vor Treffen im kleinen Kreis, insbesondere mit vulnerablen Personen, ist ein zusätzlicher Antigentest durchaus sinnvoll. Ein negatives Ergebnis bedeutet zwar nicht, dass man nicht infiziert ist. Man sei laut Virologin von Laer aber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht ansteckend.

: Wie viel wird aktuell in Österreich getestet?

Antwort: Mit den Schultest-Runden wurden zuletzt Rekorde erzielt. Am Dienstag etwa wurden in Wien 483.000 PCR-Tests durchgeführt – so viele wie noch nie an einem Tag. Am Donnerstag wurden für ganz Österreich rund 406.500 PCR-Tests ausgewertet – mehr als 60 Prozent davon in Wien. 15.852 Neuinfektionen, davon allein 4566 positive Fälle in Wien, wurden registriert. Das ist nach dem Rekord vom Mittwoch (17.006) der zweithöchste Wert seit Pandemiebeginn.

Frage: Woher haben Wien und andere Bundesländer die vielen PCR-Tests für Aktionen wie Alles gurgelt? Wie läuft deren Beschaffung – sowie jene der von der öffentlichen Hand angebotenen Antigentests?

Antwort: Sämtliche von der öffentlichen Hand zur Verfügung gestellten Corona-Tests, egal ob PCR oder Antigen, werden für ganz Österreich von der Bundesbeschaffungs-GmbH auf dem freien Markt gekauft. Sie kommen in einen Pool, aus dem heraus die Bundesländer sie kostenpflichtig bestellen können. Die Ausgaben werden den Ländern im Rahmen sogenannter Screening-Anträge zu hundert Prozent rückerstattet.

Frage: Wie teuer war das bisher?

Antwort: Laut Schätzungen des Gesundheitsministeriums kosteten die Tests die Republik im vergangenen Jahr 2021 rund 1,7 Milliarden Euro. Die genauen Kosten seien noch nicht klar, da die Länder noch nicht alle Rückerstattungsanträge gestellt hätten, sagt eine Ministeriumssprecherin.

Frage: Und woher kommen die Tests, die man in privaten Laboren machen kann?

Antwort: Sie werden von den Anbietern auf eigene Faust auf dem freien Markt gekauft.

Frage: Gibt es auch in der Omikron-Welle genug Tests in Österreich? Bei den PCR-Tests wurde zuletzt ja etwa aus Israel ein Mangel gemeldet.

Antwort: Laut der Ministeriumssprecherin, die sich dabei auf den Krisenstab im Ministerium beruft, stehen der öffentlichen Hand genug Tests zur Verfügung. Aus Wien heißt es zum Thema PCR-Test-Auswertung: “Wir sind weit weg von einer Überlastung”, wie es ein Sprecher von Stadtrat Hacker formulierte. Die Teststrategie sollte erst dann geändert werden, wenn die Kapazitätsgrenzen für PCR-Tests näher rücken. Und davon sei man noch entfernt: Aktuell habe man allein in Wien “eine Kapazität von mehr als 600.000 Tests pro Tag”, die man auswerten könne.

In anderen Bundesländern ist die Problematik nach Pannen bei den Schul-PCR-Tests drängender. Hier gab es Probleme bei der Datenübertragung – und zeitliche Verzögerungen. Gecko-Mitglied Thomas Starlinger beschrieb am Donnerstagabend, dass die Belastungsgrenzen in manchen ländlichen Regionen derzeit bereits überschritten wurden. Der Aufbau neuer Testkapazitäten dauere sicherlich acht bis zehn oder gar zwölf Wochen, so Starlinger. Mittel- und langfristig gehe es darum die Kapazitäten so auszubauen, “um nicht mehr in eine Situation zu kommen, wie wir sie jetzt sehen”. Am Freitag tagt die Gecko-Kommission wieder, entsprechende Empfehlungen an die Bundesregierung werde es Starlinger zufolge geben. (Frage & Antwort: Irene Brickner, David Krutzler, Magdalena Pötsch, 14.1.2022)

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