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CORONA-EXPERTE

Peter Klimek: “Der wichtigste Hebel, den wir haben, sind die Impfungen”

Der Komplexitätsforscher und Wissenschafter des Jahres im ausführlichen Gespräch über Omikron, erstaunliche Datenlücken, Politikberatung, seine Erfahrungen mit Servus TV und die “neue Normalität”

Er war in den letzten Monaten der medial vielleicht präsenteste Corona-Experte in Österreich: Der Komplexitätsforscher Peter Klimek informiert seit Monaten in Fernsehen, Funk und Printmedien faktenbasiert über die Pandemie. Die Mitglieder des Klubs der Bildungs- und Wissenschaftsjournalist:innen wählten den 39-jährigen Forscher deshalb zum Wissenschafter des Jahres 2021 und zeichneten ihn am Montagvormittag mit diesem Preis aus.

Der studierte Quantenphysiker forscht an der Medizinischen Universität Wien und am Complexity Science Hub Vienna über neue Methoden zur Analyse und Modellierung großer Datenmengen in der Medizin. Klimek ist Mitglied des Corona-Prognosekonsortiums und hat zahlreiche wissenschaftliche Publikationen zur Pandemie veröffentlicht.

STANDARD: Sie klären in den österreichischen Medien seit gut einem Jahr verlässlich über die Entwicklungen der Pandemie auf und sind dafür zum Wissenschafter des Jahres gewählt worden. Beginnen wir gleich mit den aktuellen Prognosen. Wie schlimm wird die Omikron-Welle werden?

Klimek: Das lässt sich leider nicht genau vorhersagen. Die großen Fragen sind, mit wie vielen Infektionen und wie vielen schweren Verläufen wir bei Omikron rechnen müssen. Letzteres können wir für Österreich aber leider nur schlecht abschätzen. Dafür müssten wir nämlich die Daten des Epidemiologischen Meldesystems – also wie viele Menschen sich infizieren – mit den Daten der Krankenhäuser und Intensivstationen möglichst zeitnah abgleichen, was aber leider nicht möglich ist. Deshalb müssen wir uns mit den Daten etwa aus Dänemark oder Großbritannien behelfen, wo es aber eine völlig andere Immunisierung der Bevölkerung gibt.

STANDARD: Um wie viel geringer ist die Immunisierung in Österreich?

Klimek: Auch das kann man nicht genau sagen. Es gibt zwar die Zahlen zu den Impfungen, aber es fehlen Seroprävalenz-Daten. Sprich: Wir wissen nicht, wie viele Menschen in welchen Altersgruppen bisher unbemerkt eine Infektion überstanden haben. Insofern lässt sich auch nur sehr schlecht einschätzen, wie hoch das Risiko einer Überlastung der Spitalskapazitäten ist, das eben auch von den überstandenen Infektionen abhängt. Wien beispielsweise ist vergleichsweise gut durch die vierte Welle gekommen. Das bedeutet aber auch, dass hier das Risiko durch Omikron höher sein könnte, weil es womöglich größere immunologische Lücken gibt.

STANDARD: Was können wir jetzt noch tun, dass wir diese Welle möglichst glimpflich überstehen?

Klimek: Der wichtigste Hebel, den wir im Moment haben, sind die Impfungen. Wenn wir die Welle etwas abflachen können, würden wir Zeit gewinnen, die unbedingt dafür genützt werden muss, dass sich mehr Menschen noch schnell impfen oder boostern lassen. Denn je mehr Personen immunisiert sind, desto glimpflicher wird diese Welle ausfallen.

STANDARD: Sie sind seit Beginn der Pandemie dafür eingetreten, dass wir bessere Daten brauchen, und haben gerade abermals auf eklatante Datenlücken hingewiesen. Hat sich denn in diesem Bereich gar nichts verbessert?

Klimek: Leider nur wenig. Immerhin: Wir verfügen jetzt beispielsweise über Daten zu den Impfquoten, aufgeschlüsselt nach verschiedenen sozioökonomischen Kategorien. Und siehe da: Diese Zahlen widerlegen den Mythos, dass es in erster Linie “die Ausländer” sind, die sich nicht impfen lassen. Aber dazu braucht es eben Daten. Eine Hoffnung, die wir mittelfristig haben, ist das neue Mikrodatenzentrum, das die Situation hoffentlich verbessern wird. Denn in vielen Bereichen des Gesundheitssystems tappen wir leider nach wie vor im Dunkeln.

STANDARD: Woran liegt es, dass sich da nichts ändert?

Klimek: Das grundsätzliche Problem scheint mir, dass in Österreich sehr kurzfristig und daher kurzsichtig gedacht wird: Die Daten zur Schwere der Verläufe bei Omikron bräuchten wir jetzt, haben sie aber nicht. In ein paar Wochen brauchen wir sie dann nicht mehr. Doch dann unternimmt man auch nichts mehr, um das Problem wenigstens für die nächste Welle zu beheben, damit man wenigstens in Zukunft evidenzbasierte Entscheidungen treffen und die richtigen Maßnahmen setzen kann. Es fehlt einfach ein nachhaltigeres Pandemiemanagement.

STANDARD: Wie haben Sie als Experte und Mitglied des Prognosekonsortiums in den vergangenen Monaten die Interaktion mit den politischen Verantwortlichen und die Wechsel in der Spitzenpolitik erlebt?

Klimek: Die erste Phase der Pandemie war sicher eine Ausnahmesituation, als noch niemand gewusst hat, was eigentlich los ist. Mit dem Prognosekonsortium und der Corona-Kommission wurden dann relativ bald zwei Gremien der Politikberatung eingerichtet. Bei der Frage, wie letztendlich die Entscheidungen getroffen werden, gab und gibt es aber tatsächlich einiges an Intransparenz – nicht zuletzt auch bei der Auswahl der Expertinnen und Experten für diese Gremien. Zuletzt habe ich beobachtet, dass in den Ministerien und anderen Institutionen relativ viel Personal ausgetauscht wurde, und für die neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter war die vierte Welle ihre erste in dieser neuen Position.

STANDARD: In anderen Ländern – wie etwa Großbritannien – scheint es diesbezüglich bessere und besser eingespielte Strukturen zu geben.

Klimek: Zweifellos. Man kann nicht oft genug erwähnen, mit welcher Transparenz und mit welcher inhaltlichen Tiefe die Briten jede Woche neue Daten über die Pandemieentwicklung veröffentlichen, an denen sich Europa und die ganze Welt orientiert. Dahinter stecken viel besser entwickelte institutionelle Strukturen insbesondere im Bereich Public Health, die wir in Österreich einfach nicht haben. Ähnliches gilt aber auch für ein kleineres Land wie Dänemark, wo ebenfalls extrem schnell alle verfügbaren Daten zusammengetragen und aufbereitet werden, um eine transparente, evidenzbasierte Entscheidungsgrundlage zu haben.

STANDARD: Sie sind eigentlich studierter Quantenphysiker, haben sich als Komplexitätsforscher aber auch schon vor 2020 mit Gesundheitsfragen befasst. Wie gut waren Sie wissenschaftlich auf die Pandemie vorbereitet?

Klimek: Wir waren jedenfalls nicht ganz unvorbereitet. 2018 haben wir ein Lehrbuch über komplexe Systeme veröffentlicht, und das erste Anwendungskapitel handelt von Krankheitsausbreitung. Das ist eines der Schulbuchbeispiele für die Bedeutung von Netzwerken und damit auch für die Komplexitätsforschung. Es gab also schon einen konzeptuellen Werkzeugkasten, der bei uns vor 2020 aber nur dann für Studien zum Einsatz kam, wenn wir neue Gesundheitsdaten hatten, die wir auswerten konnten. Das hat sich mit der Pandemie natürlich völlig verändert.

STANDARD: Wie sehr sind Sie 2021 zum Forschen gekommen? Und gab es für Sie seit 2020 noch andere wissenschaftliche Themen neben Corona?

Klimek: Trotz der ganzen Beratungstätigkeit war für mich 2021 wissenschaftlich eines der produktivsten Jahre überhaupt. Bei den Publikationen ging es oft um Corona, aber nicht nur. Wir haben zum Beispiel auch Fachartikel zur Vorhersage von Tierkrankheiten veröffentlicht und dazu auch ein Patent eingereicht. Das hat sich aber natürlich auch in der Arbeitszeit niedergeschlagen – und da spreche ich für viele andere meiner Kolleginnen und Kollegen: Im Grund machen viele von uns gerade zwei hauptberufliche Tätigkeiten nebeneinander.

STANDARD: Dazu kommen Ihre zahllosen Medienauftritte. Wie haben Sie dieses Interesse der Medien erlebt?

Klimek: Ich hatte aufgrund unserer Forschungen auch schon vor 2019 immer wieder Kontakte mit den Medien, aber das war natürlich eher unter der Wahrnehmungsschwelle. Im Laufe der Pandemie ist das langsam, aber ständig immer mehr geworden. Die Zahl der Medienauftritte, die ich zuletzt manchmal in einer Woche hatte, hatte ich vor 2020 in zwei Jahren. Ich sehe es als eine meiner Aufgaben als Wissenschafter an, die eigenen Forschungen allgemeinverständlich zu kommunizieren, und habe das immer mit Freude gemacht, weil es auch eine spannende Herausforderung ist.

STANDARD: Was haben Sie in diesem intensiveren Umgang mit den Medien gelernt?

Klimek: Dass man beispielsweise als Wissenschafter nicht zu jedem Thema seinen Mund aufmachen muss. Vor der Kamera braucht es mitunter etwas Mut, um zu sagen, dass man zu dieser oder jener Frage nichts sagen kann oder dass man dafür nicht qualifiziert ist. Das hat auch den positiven Effekt, dass man von Journalistinnen und Journalisten thematisch etwas gezielter und nicht zu allen Themen gefragt wird, weil die dann auch wissen, dass man nicht auf alles eine Antwort bekommt.

STANDARD: Sie waren und sind in so gut wie allen Kanälen präsent. Erlebten Sie Unterschiede zwischen den verschiedenen Medien?

Klimek: Ich hatte von vornherein wenig Berührungsängste auch mit Boulevardmedien. Die Unterschiede empfinde ich als nicht so groß: Journalistinnen und Journalisten sind zum überwiegenden Teil gut vorbereitet und meist gut mit dem Thema vertraut. Der Unterschied liegt eher in der Verarbeitung. Das ist im Boulevard naturgemäß meist etwas verknappter und zugespitzter. Aber reißerische Schlagzeilen gibt es mitunter auch in den Qualitätsmedien. Ein eigenes Kapitel waren aber die Corona-kritischeren Medien und insbesondere Servus TV.

STANDARD: Inwiefern?

Klimek: Ich dachte mir ursprünglich, dass man gerade in diesen Medien evidenzbasiert Fakten erklären sollte. Aber Auftritte etwa bei “Talk im Hangar” haben eher dazu geführt, dass man danach zwei Tage lang mit Hassnachrichten im E-Mai-Postfach geflutet wurde. Danach fragt man sich schon, ob man sich das – bei allen hehren Idealen – wirklich freiwillig antun will. Der eigene Masochismus ist dann doch irgendwo endenwollend.

STANDARD: Der Complexity Science Hub Vienna und Ihre Arbeiten sind in den letzten Monaten in der Öffentlichkeit sehr viel sichtbarer geworden. Hatte das auch positive Auswirkungen auf die Finanzierung?

Klimek: Ich fürchte, die doch recht intensive Wissenschaftskommunikation der letzten Monate war unter dem Gesichtspunkt der Finanzierung sogar eher kontraproduktiv. Die größeren Drittmitteltöpfe gibt es dann doch im Ausland, und bei Forschungsfinanziers wie dem europäischen Forschungsrat ERC macht es keinen Unterschied, ob mich in Österreich ein paar Leute mehr aus den Medien kennen. Die Medienarbeit ist dann ja doch auch recht zeitintensiv – und diese Zeit geht einem dann halt mitunter für das Schreiben von Projektanträgen ab.

STANDARD: Wie geht es nach Omikron weiter? Ist für Sie ein Ende der Pandemie und der Beginn der Endemie in Sicht?

Klimek: Das lässt sich noch nicht sagen. Wir haben jetzt eine Variante, die harmloser ist und ein kürzeres Intervall bei den Ansteckungen hat. Wir können aber nicht davon ausgehen, dass sich dieser Trend bei der nächsten Variante auch so fortsetzen wird. Mögliche Szenarien sind, dass wir mittelfristig eine Ko-Zirkulation von Delta und Omikron haben werden und dass Delta nach Omikron zurückkehren wird. Oder natürlich, dass sich eine andere Variante ausbreitet. Es ist aber auch möglich, dass wir mit Omikron schon in der neuen Normalität landen werden.

STANDARD: Wie wird die aussehen?

Klimek: Das wird dann vermutlich ähnlich sein wie bei der Influenza. Auch da tauchen einmal aggressivere und einmal weniger aggressive Stämme auf, ohne dass wir unser gesamtes Leben umstellen. Diese Wellen werden auch bei Sars-CoV-2 einmal niedriger und dann wieder höher ausfallen. Aber auf welchem Niveau sich das einpendeln wird, das kann noch niemand seriös vorhersagen. Wir werden auch über regelmäßige Auffrischungsimpfungen nachdenken müssen und auch über angepasste Impfstoffe. Wichtig wäre es in jedem Fall, nachhaltige Strategien des Pandemiemanagements aufzubauen, um nicht von jeder neuen Welle überrascht zu werden. (Klaus Taschwer, 10.1.2022)

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